Skip to content

Diskurs zum fragwürdigen Theorem des Ethischen in „Saw“

20. Januar 2010

In „Homo sacer“ stellt Giorgio Agamben eindrucksvoll dar, was passiert wenn die Kombination von Biologie beziehungsweise Bioethik und Politik misslingt. Auf furchtbar grauenvolle Weise wird das im Euthanasieprogramm des Nationalsozialismus deutlich. Die Politisierung des Lebens, Biopolitik und Menschenrechte die man einfach überging fanden in den Vernichtungsanstalten der Naziärzte, welche unvorstellbarste Grausamkeiten an sogenannten „Versuchspersonen“ im irrsinnigen Glauben sie würden etwas Gutes für die Menschen, in dem Fall für die Soldaten an der Front, machen, eines der unmenschlichsten Ausmaße überhaupt fand. Versuchspersonen mussten solange Salzwasser trinken, bis sie schlussendlich qualvoll daran starben. Einzig und allein um zu sehen, wie lange sich ein abgestürzter deutscher Pilot Salzwasser trinken könne und was die Konsequenzen dabei sind: herausquellende Adern, Bewusstlosigkeit, Krämpfe, Atemstillstand. Anderen wurde gefährliche Viren injiziert wie zum Beispiel Gelbfieber oder Pest im irrsinnigen Versuch Impfpräparate für infizierte Soldaten herzustellen. Das sind nur wenige Beispiele der Versuchshorrorkammer. Sterilisierungsprogramme, Untersuchungen wie lange Menschen in eiskaltem Wasser überleben würden, Genversuche, Amputationen, Transplantationen und und und, die Liste ist lange…Während der Nürnberger Prozesse beteuerten die Naziärzte ihre Unschuld, lediglich im Glauben etwas sinnvolles für die Wissenschaft zu machen gehandelt zu haben. Die zigtausend Menschen die bei den Versuchen umkamen wurden anscheinend als Kollateralschaden betrachtet. Weiterhin beriefen sie sich, wie Agamben auch darstellt, auf die Versuche US amerikanischer Ärzte mit zu Tode Verurteilten. Besonders in Manila der 1920er Jahre. Sie übertrafen zwar nicht die Grausamkeit der Naziärzte, von denen übrigens einige die Nürnberger Prozesse leider unbeschadet überstanden und einige wenige heute noch am Leben sind, doch fanden sehr ähnliche Versuche statt. Vor allem für Tropenkrankheiten wurde probiert Impfmittel herzustellen. Später, nachdem die Nukleartechnologie erfunden wurde, kamen Versuche zu Auswirkungen von radioaktiver Strahlung am lebenden Menschen hinzu. Welche Konsequenzen das hatte verdeutlichen die noch lebenden Opfer von Hiroshima und Nagasaki.

Das Nazideutschland derlei Experimente anstellte, lässt sich aus der abartigen und kranken Denkweise der Nazis heraus erklären, dass aber ein demokratisches Land ähnliche Experimente durchführte nicht. Es gibt allerdings, wie Agamben richtig feststellt, eine Bedingung die bei beiden vorhanden ist: Nämlich die Umstände der Versuchspersonen. Jeweils Menschen die aller politischen Rechte, ihrer Menschenrechte und ihrer Würde beraubt wurden. Denen man das Recht auf Existenz verweigert hat, die aber biologisch, als organischer Körper noch am Leben waren. Sie bewegen sich in einem Zustand zwischen Leben und Tod den Agamben das „nackte Leben“ nennt. Agamben erklärt seine Theorie weiterhin durch die Umstände der Grauzone die das nackte Leben ausfüllt, da er die ausschließliche Antwort des Sadismus als Ursache ablehnt. Ich denke aber, dass Freud recht hatte als er sagte, dass die Menschen einen Trieb zu Aggressivität und Zerstörung haben. Er wird auch nicht als reines Ich oder als unbeschriebene Tabularasa Tafel welche sich im Laufe der Zeit zu Gut oder Schlecht entwickelt, wie es John Locke annahm, geboren.

Meiner Meinung nach verkörpert die Filmreihe „Saw“, mittlerweile ist der sechste Film erschienen, diesen Trieb der Zerstörung und Sadismus nach wie vor. Das ist an sich nichts neues, denn auch seit diesen Experimenten hat der Mensch jeden Tag unter Beweis gestellt zu welchen Taten er fähig ist, nicht nur in Ausnahme- oder Extremsituationen. Unsere Aggressivität ist bei jeder Bewegung dabei und des Öfteren hängt dieses Damokles Schwert an einem bedenklich dünnen Faden. Das Schlimme finde ich viel mehr, dass in „Saw“ allen Ernstes versucht wird, dieses unglaubliche grausame Spiel, was letztlich nichts anderes als die Auslebung der subjektiven sadistischen Triebe ist, als moralisch, im Hinblick auf die ethische Frage des Respekts vor dem Leben, zu verkaufen. Denn die Antwort mit welcher Fans den Sadismus rechtfertigen lautet, dass ja hier lediglich probiert würde, den Menschen, durch die sadistische Konfrontation mit dem Tod, den verloren gegangenen Respekt vor dem Leben wieder einzubläuen und die scheinbare Aussicht darzustellen, den perfiden Maschinerien zu entgehen, indem die Freiheitsberaubten im Sinne der Nächstenliebe zusammenarbeiten. Natürlich alles im Sinne der Nächstenliebe. Wie die Ärzte der Nürnberger Prozesse es taten, wird auch hier tatsächlich probiert, die Handlungsweisen im Hinblick auf das größere Gute  zu rechtfertigen.

Ich möchte nun auch nicht groß weiter über den Grund lamentieren, weshalb Menschen auf derlei abartige Ideen kommen, oder warum die Filmreihe innerhalb unserer Gesellschaften derlei guten Anklang findet und es regelrechte Fangruppen gibt. Dadurch, dass die Filmreihe anscheinend ins Unendliche fortgesetzt wird, impliziert die finanzielle und inhaltliche Verkaufbarkeit. Meine Antwort zur Erklärung ist mit der Ansicht Sigmund Freuds kongruent. Auch wenn die Antwort vermutlich zu schlicht ist, so neigen die Menschen schlicht und einfach von Natur aus zu Gewalt, Aggressivität, Zerstörung und Sadismus zur Befriedigung ihrer inneren Triebe.

Vielmehr möchte ich die Problematik aufzeigen die entsteht, wenn man einen Menschen seiner grundlegendsten Rechte beraubt und vor derlei perfide Entscheidungen stellt. Natürlich soll hier ein Film nicht mit dem Euthanasieprogramm im Nationalsozialismus gleichgesetzt werden. Auch nicht das Menschen, die sich an dem Film erfreuen in Relation mit dem Schrecken des Naziterrors gebracht werden. Es soll allerdings die ethische Problematik und die des rechtsfreien Raums dargestellt werden, wo es entweder kein Souverän oder ein falsches gibt. Der Raum des nackten Lebens war ebenso ein rechtsfreier Bereich, wie der des Films in dem „Versuchspersonen“ gefoltert werden.

Sadismus wird allgemein definiert, dass ein Mensch Befriedigung und Lust, sei es sexuelle Erregung oder nicht, durch das physische wie psychische Quälen anderer erfährt. Allgemein gesprochen erfreuen sich Sadisten am Leid anderer. Es wird probiert das Gegenüber durch Demütigung zu brechen und sich an den daraus entstehenden Reaktionen zu erfreuen. Dementsprechend resultiert Sadismus im Nehmen eines jeden Schutzpanzers, das Nehmen von Seele und Körper. Es ist pures Ausgeliefertsein an ein absolutes Souverän. Das Sein ist kein Sein mehr, da ihm alles was ihn zu einem menschlichen Sein macht genommen wird: Freiheit, Würde und schlussendlich in den allermeisten Fällen das Leben selbst. Und zumindest der Film lebt genau von diesem Zustand des totalen Entreißens des Menschlichen – und die Zuschauer lüstern an der latenten und mechanischen Technik. Tatsächlich probiert er das als Ausgangspunkt seines Theorems zu vermarkten, nämlich den wahren Wert des Lebens zu erkennen um in Zukunft „menschlicher“ gegenüber Gesellschaftsindividuuen zu handeln. Ganz abgesehen von der Tatsache, dass die meisten Versuchspersonen die perfiden Foltermechanismen nicht überleben, das ist natürlich auch der Sinn des Films, denn das haltlose ethische Theorem das naiver weise probiert wird zu verkaufen, ist natürlich lächerlich, da es primär um die Befriedigung der menschlichen Triebe geht, stünden wir in dem rechtsfreien Raum in einer Liberaldemokratie auch einem ethisch-politischen Problem entgegen. Denn seit der Aufklärung, der Einführung und Proklamation der Menschrechte und der französischen Revolution wird jedem Sein ein Mindestmaß an Rechten eingeräumt durch welches das Sein an sich auch rechtlich definiert wird. Jeder aufgeklärte Mensch weiß wovon ich spreche und es ist überflüssig alle Menschenrechte hier zu rezitieren. Viel wichtiger ist, dass diese subjektiven Rechte allen Menschen gleichermaßen zustehen, allein auf Grund ihres Menschseins. Sie sind also egalitär begründet. Weiterhin sind sie universell, unveräußerlich und unteilbar. Jedem Menschen wird also immer ein gewisses Maß an Rechten eingeräumt. Es ist keine Frage, dass alle Straftaten verfolgt und bestraft werden müssen, nach demokratisch legitimierten Gesetzgebungen im Sinne der Gewaltenteilung und Verurteilungen. Das ist ein Pfeiler worauf unsere demokratische Errungenschaften und unser moralisch-ethisches Verständnis basieren.

Nimmt man aber nun einem Sein dieses minimale Maß an Rechten und steckt es in einen rechtsfreien Raum, wo es jederzeit den Tod finden kann, ganz ähnlich dem Naturzustand bei John Locke, wo das Prinzip des homo humini lupos gilt, so ist es nun jeder hegemonialen Macht schutzlos ausgeliefert. Der Kreis zu Agambens Theorem des nackten Lebens, also ein Sein in einer Sphäre zwischen Leben und Tod, schließt sich dadurch wieder. Die jeweiligen Lokaldeixen des Films entsprechen einem solchen Raum. Das Sein ist der hegemonialen Macht und ihrem sadistischen Spiel hilflos ausgeliefert. Das Sein befindet sich weder im Leben noch im Tod, noch kann es sich zwischen beidem wirklich entscheiden, da ihm die Entscheidungsfreiheit durch den Entzug seiner Rechte genommen wurde. Wir stehen hier also klar vor einem Paradox des Films, der behauptet das Sein habe eine Wahl zwischen Leben und Tod. Wie soll das aber in diesem rechtsfreien Raum und in dieser Sphäre möglich sein, wenn das Sein absolut ausgeliefert ist? Es hat gar keine ethisch-moralische Entscheidungsmöglichkeit mehr, da diese ihm durch den Zustand des nackten Lebens genommen wurde. Dementsprechend kann das Sein eigentlich auch nicht mehr Handeln, da es keine Entscheidungen mehr treffen kann. Es wird als zunächst lebensunwertes Leben dargestellt, das sich sein Recht auf Leben erst wieder durch die richtigen Entscheidungen erarbeiten muss. Wie soll das aber im Zustand der Entscheidungsunmöglichkeit funktionieren? Ein Sein kann nur (ethisch-moralische) Entscheidungen treffen, wenn ihm ein Recht auf Entscheidung überhaupt zugesprochen wird. Es muss sich also in einer Sphäre befinden, die einem Rechtssystem unterliegt. Ergo also in der Sphäre des Lebens und nicht mehr im rechtsfreien Raum zwischen Leben und Tod.

Allerdings hatten weder die Versuchspersonen des Euthanasieprogramms noch die des Films irgendwelche Rechte, um freie und unabhängige Entscheidungen zu treffen. Sie waren jeweils einem absoluten Souverän in einer rechtsfreien Sphäre ausgeliefert. Das Sein hat also nie die Möglichkeit eine freie ethische Entscheidung zu treffen, wodurch das Theorem des Films eindeutig nicht haltbar und somit widerlegt ist. Daraus resultiert, was übrigens auch wie schon erwähnt die schier endlosen Fortsetzungen zeigen, Sex sells. Sex muss im Sinne der triebhaften lusthaften Auslebung von Gewalt und Brutalität am Leid anderer, also purer Sadismus, gesehen werden, an dem man sich erfreut.

(wird noch überarbeitet sobald mehr Zeit ist)

From → Essays

One Comment
  1. Jan Rüdiger permalink

    Der Vergleich zwischen den Filmen aus der SAW-Reihe und den Experimenten des Nazi-Deutschland ist durchaus interessant, allerdings ist die Frage, warum sich die Zuschauer die Filme letztendlich anschauen und was sie daraus mitnehmen ziemlich schwer zu klären und wahrscheinlich noch einmal ein ganzes Stück schwerer zu fassen und zu verstehen. Sind es tatsächlich jedes Jahr im Herbst die selben Menschen, die sich den neuen Teil der Serie ansehen? Oder wie hoch ist der Prozentsatz an Zuschauern, der zum folgenden Teil nicht mehr das Kino besuchen wird?
    Bemerkenswert ist hier vielleicht, dass bereits seit dem dritten Teil ein gewaltiger Rückgang an Einnahmen zu verzeichnen ist ( http://de.wikipedia.org/wiki/Saw_(Filmreihe)#Erfolg ) und der Umsatz vom erfolgreichsten dritten Teil bis zum aktuellen sechsten Teil weltweit um zwei Drittel gesunken ist. Wenn diese Entwicklung so weitergeht, wird der im Oktober 2010 erscheinende siebte Teil vielleicht der letzte sein.
    Doch hier stellt sich nun die Frage, ob die Gründe hierfür wirklich bei dem zurückgehenden Interesse des Publikums zu suchen sind oder ob doch immer häufiger zu findende Streams im Internet und Raubkopien aller Art der Filmindustrie so stark schaden. Und da wiederum kommt dann die Frage auf, ob man bei einer anhaltenden Produktion der SAW-Filme wirklich von einem Schaden die Rede sein kann, oder ob es vielleicht doch sogar als Erfolg gewertet werden kann.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: