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Zur populistischen Solidarisierung mit Weltanschauungen

9. September 2009

Die derzeitige Popularität gegenüber dem Islam als Religion ist ein interessantes Phänomen. Viele begeben sich mittlerweile auf die Suche, ihr Glück in den Suren des Korans zu finden. Vor allem Menschen, die eigentlich einem abendländisch-christlichen Hintergrund entspringen. Auf Grund der politischen Ereignisse wie Irakkrieg, Afghanistankonflikt und dem prinzipiellen kulturellen Schwierigkeiten und Unterschiedlichkeiten zwischen Orient und Okzident, Islam und Christentum, solidarisieren sich Menschen mit der islamischen Religion und entwickeln verstärkte Sympathie.

Die Frage liegt nahe, weshalb gerade in den letzten Jahren die Sympathie so sehr gestiegen ist, viel mehr als in den fünf Jahrzehnten vorher, seit der Gründung der Bundesrepublik 1949. Was könnten also die Gründe dafür sein? Vermutlich gibt es mehrere Anhaltspunkte. Manch einer macht die Globalisierung und ihre ungerechten Auswüchse dafür verantwortlich, ein anderer die imperialistische Außenpolitik der USA und anderer westliche Nationen. Oft ist auch die North Atlantic Treaty Organization (NATO) ein beliebtes Ziel. Darüber zu lamentieren würde viele Seiten mit mehr oder weniger gerechtfertigter Polemik füllen. Diese Ansätze sind zu genüge behandelt worden.

Viel interessanter könnte nicht die Frage nach dem Warum, sondern nach dem „Was wäre wenn?“ sein. Stellen wir uns nämlich vor, die großen Weltanschauungen (ich nenne sie gezielt Weltanschauungen und nicht Religion) wären in vertauschten Rollen. Kulturell und ideologisch. Die geographische Ausrichtung ist in diesem Falle vermutlich nicht entscheiden. Stellen wir uns also vor, das Christentum nähme symbolisch die derzeitige Position des Islams ein und der Islam die Position des Christentums. Gehen wir also davon aus, dass wir seit etwa 2000 Jahren nicht christianisiert sondern islamisiert sind.

Die Historie lief exakt gleich bis ins Jahr 2009. Die spannende Frage wäre nun, würden wir uns in dieser Rolle genauso verhalten wie umgekehrt? Würden wir uns also nun mit dem Christentum solidarisieren und Abstand vom Islam nehmen? Beide Religionen stehen bekanntlich auf einem gleichen Sockel, basieren auf ähnlichen Ideen, berufen sich auf Monotheismus und so weiter. Es gibt grundsätzlich einige Parallelen. Ideologisch dürfte es also keine großen Schwierigkeiten geben. Würden wir uns also jetzt eine Bibel kaufen, anstatt eines Korans und die Unterdrückung des Christentums gegenüber dem Islam kritisieren?

Ich denke prinzipiell: Ja!. Wieso? Weil es nicht wirklich um die Religion und ihre Ideologie an sich geht, sondern vielmehr um eine sehr menschliche Reaktion, nämlich um das Phänomen des Gefühls von Ungerechtigkeit. Wir empfinden Dinge als ungerecht, weil sie mit unserem ethischen Verständnis auf Widerstand stoßen. Die Folge sind emotionelle Reaktionen die wiederum in Handlungen umgesetzt werden. Handlungen wie eben die Solidarisierung mit etwas, dass wir als besser empfinden, bedingt durch eine ungerechte Hintergrundsituation. Hierin erkennt man nun sehr gut, die Ambivalenz, Wandelbarkeit und Anpassungsfähigkeit des Menschen. Dazu kommt natürlich eine gewisse latente Manipulation durch mediale Wirkung. Beispielsweise durch Bilder von Flüchtlingslagern, von weinenden Familien wenn mal wieder ein NATO Bombe nicht, wie behauptet, mit chirurgischer Präzision ein Talibanlager traf, sondern vielleicht ein Krankenhaus oder eine Schule. Die Bilder sprechen direkt unser Emotionen an, Empfindungen entstehen, Gefühle werden evoziert und selbstverständlich wird durch solche Erscheinungen die jeweilige Tat als unmenschlich, grausam, brutal etc. empfunden. Die Auswahl von Adjektiven dafür ist unbegrenzt.

In unserer Welt gibt es ein großes ungeschriebenes Gesetz: Gehe, stehe und handle den momentanen populären Themen entsprechend. Das Individuum einer Gesellschaft handelt also nach einem Mehrheitsprinzip. Irgendetwas ist gerade à la mode und die Mehrheit vereint sich dahinter. Das fängt bei ganz banalen Themen an, wie beispielsweise ipods. Es war nie so, dass diese Mp3-Player rein technisch gesehen um Längen besser waren/sind als die Konkurrenz von Sony, Creative oder Microsoft. Es war schlichtweg irgendwann hip und trendy einen ipod in möglichst ausgefallener Farbe zu besitzen. Es war ein Statussymbol. Es geht um das Herzeigen.

Natürlich kann jetzt nicht so einfach eine Verbindung zwischen einem ipod und einer Weltreligion gezogen werden. Aber es funktioniert zumindest teilweise nach demselben Prinzip. Der Islam fing irgendwann an interessant und anziehend auf die Menschen zu wirken. Eben aus dem geschilderten evoziertem Gefühl von ungerechter und unmenschlicher Behandlung. Abu Ghraib und Guantanamo setzten dem Ganzen nur noch eine eindeutige Spitze drauf.

Es ist selbstverständlich eine natürliche und gute Erscheinung, wenn man sich mit etwas beschäftigt das unter Gewalt, Willkür und Ungerechtigkeit zu leiden hat. Alles andere wäre seelenlos. Jeder klar denkende Mensch wird mit mir einer Meinung sein, wenn ich sage, dass es egal ist ob Menschen durch NATO Bomben oder durch Selbstmordanschläge sterben. Es ist jedes Mal schlecht, egal welche Ideologie oder Ideal dahinter steht. Jeder getroffene, unschuldige Mensch ist einer zu viel. Deswegen will ich auch keinerlei Position beziehen und schon gar nicht die zwei großen Religionen gegeneinander ausspielen oder die Solidarisierung mit dem Islam als etwas Schlechtes charakterisieren. Ich hoffe dass eines Tages alle Religionen auf dieser Welt es schaffen, friedlich in Koexistenz miteinander zusammen zu leben.

Allerdings würde ich mir auch mehr Objektivität in der Wahl seiner alltäglichen Launen wünschen und dazu appellieren, lieber mehr öffentlichen Diskurs zu führen. Gerne auch einen mit einer gewissen Leidenschaft geführten Diskurs, allerdings ohne Populismus.

Deswegen ist das erste Fazit, ja, läge eine Vertauschung der Religionen vor, so wäre jetzt die Solidarisierung mit dem Christentum vorhanden, da es prinzipiell leider etwas ganz anderes geht, nämlich populistische Solidarisierung. Ähnliches ist übrigens bei der derzeitigen Exit Strategie für Afghanistan zu sehen. Das zweite Fazit ist, nicht in eine allzu ambivalente und oberflächliche Weltanschauung abzurutschen. Eine leidenschaftliche, doch objektive Debatte könnte eine Lösung darstellen.

From → Essays

One Comment
  1. Jan* permalink

    Scho9n mal was einer Zeitung geschickt zwecks Veröffentlichung?!

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