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Warum die NATO zwingend in Afghanistan bleiben muss!

8. September 2009

Quelle: Spiegel Online 8. September 2009    20:46Uhr    http://www.spiegel.de

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Die Nato steht wegen ihrer Angriffe in der Kritik, bei der Präsidentenwahl gab es Stimmbetrug, die Taliban erstarken. In dieser desolaten Situation fordern immer mehr Stimmen im Westen, Afghanistan sich selbst zu überlassen. Doch das wäre eine Katastrophe – für die ganze Welt, meint Hasnain Kazim, SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent in Islamabad.

Als die sowjetischen Truppen 1989 nach zehn verlustreichen Jahren aus Afghanistan abgezogen wurden, begann das Unheil: Die islamischen Krieger, damals noch Mudschahidin genannt, von Pakistan und den USA aufgebaute Widerstandskämpfer gegen die Rote Armee, wurden von Washington plötzlich alleingelassen. Die nützlichen Idioten hatten ihren Zweck erfüllt. Die Sowjets, böse Ungläubige für die einen, böse Kommunisten für die anderen, waren besiegt.

Was danach kam, ist eine hinlänglich bekannte Geschichte des Grauens: Afghanistan war zerstört, selbst gemäßigte Muslime fühlten sich verraten und verkauft. Unter den verschiedenen Strömungen der Mudschahidin brach ein Machtkampf aus, ab Mitte der neunziger Jahre eroberten die besonders radikalen Taliban, jetzt nur noch von Pakistan unterstützt, erst die Köpfe der Menschen und dann, als es zu spät war, sie noch aufzuhalten, fast das gesamte Land. Es war eine Zeit des Schreckens und der übelsten Form religiöser Machtausübung, öffentliche Hinrichtungen inklusive. Die USA lieferten als übermächtiger Feind die ideologische Rechtfertigung für den neuen „heiligen Krieg“, der in die Terrorangriffe am 11. September 2001 mündete und den „Krieg gegen den Terror“ provozierte.

Die Lage ist zum Verzweifeln

Wie kann man nach dieser historischen Erfahrung ernsthaft darüber sinnieren, Afghanistan erneut sich selbst zu überlassen? Wie kommt ein sonst so kluger Kolumnist wie Thomas L. Friedman dazu, aufgeschreckt durch die negative Stimmung in der amerikanischen Bevölkerung über den Afghanistan-Einsatz in der „New York Times“ zu schreiben: „Dies ist ein viel größeres Vorhaben als das, wofür wir uns ursprünglich verpflichtet haben. Bevor wir ein neues Baby – Afghanistan – adoptieren, brauchen wir eine neue nationale Diskussion über dieses Projekt: Was wird es kosten, wie lange könnte es dauern, welche US-Interessen machen es erforderlich und, vor allem, wer beaufsichtigt die Strategie?“

Sicher, die Lage ist zum Verzweifeln: Die Taliban, kurz nach dem Einmarsch der USA im Dezember 2001 als besiegt geglaubt, gewinnen wieder mehr Einfluss. Täglich melden Kommandeure der Islamisten die Einnahme neuer Regionen, in diesem Jahr sind mehr Isaf-Soldaten gefallen als in den ersten drei Kriegsjahren zusammen. Und auch wenn die Uno behauptet, erfolgreich im Kampf gegen den Drogenanbau zu sein – die Taliban sitzen auf Opiumvorräten, mit denen sie noch viele Jahre ihren Dschihad finanzieren können.

Die Nato-Truppen stehen derweil wegen der wachsenden Zahl ziviler Opfer durch ihre Angriffe in der Kritik, neuerdings auch die Bundeswehr. Längst hält eine Mehrheit der Afghanen die westlichen Soldaten nicht mehr für Befreier, sondern für Besatzer. Das arrogante, ruppige Auftreten insbesondere der US-Soldaten trägt nicht gerade zum guten Ruf bei.

Wenig hilfreich war auch das Verhalten von Verteidigungsminister Franz Josef Jung nach dem verheerenden Luftschlag gegen zwei gekaperte Tankwagen: Anstatt schnelle Hilfe für die Verletzten zuzusagen, bestritt er zunächst zivile Opfer. Erst nach erheblichem internationalen Druck räumte er kleinlaut ein, dass womöglich doch nicht nur Taliban getötet wurden – als käme es auf ein paar afghanische Zivilisten nicht an. Er bestärkte mit dieser unüberlegten Reaktion das vom Westen vermittelte Gefühl der Menschen, dass ein afghanisches Leben weniger wert ist als das eines westlichen Soldaten. So denkt man inzwischen, nach immer neuen Opfern durch US-Drohnen im Grenzgebiet, auch in Pakistan: Dem Westen sind wir egal, Hauptsache, wir nützen seinen Interessen.

Karzai hat Chance auf demokratische Legitimation verspielt

Die Präsidentenwahl in Afghanistan sollte, so hoffte man im Westen, ein neues Kapitel aufschlagen: Sie sollte eine demokratisch gewählte, allseits geachtete Leitfigur schaffen, die die ethnischen Gruppen versöhnt und die dem Land acht Jahre nach Kriegsbeginn endlich staatliche Strukturen verschafft. Aber wieso sollte das ausgerechnet Hamid Karzai, der jene acht Jahre lang versagt hat und den die Menschen für eine Marionette des Westens halten, jetzt gelingen? Weshalb sollten Hazaras, Tadschiken, Usbeken, Turkmenen auf der einen Seite, die übermächtigen Paschtunen auf der anderen sich plötzlich die Hände reichen? Karzai verspielte jede Chance auf echte demokratische Legitimation, indem er sich nicht nur von Drogen- und Kriegsfürsten unterstützen, sondern seine Anhänger bei Wahlfälschungen kräftig mitmischen ließ.

Es ist nicht viel, bei dem sich die Menschen in dieser unruhigen Weltgegend einig sind, aber darin schon: Das, was die Nato, allen voran der größte Truppensteller USA, aber auch die anderen, in Afghanistan bewirken, ist eine Katastrophe. Der Bau von Brunnen und Brücken, Schulen und Straßen wiegt nicht auf, was durch das „robuste Mandat“, wie es im Bundeswehrjargon heißt, angerichtet wird.

Verständlich, dass man in den westlichen Hauptstädten frustriert ist: Wozu das Leben von Soldaten aufs Spiel setzen, helfen, Milliardensummen ausgeben – wenn es einem niemand dankt? Warum versuchen, Demokratie zu etablieren, wenn Demokratie nicht gewollt wird? Und die einfachen Soldaten sind enttäuscht, da ihre Entbehrungen, ihre Leistungen, ihre Bereitschaft, den Kopf hinzuhalten, wenig bis gar nicht gewürdigt werden – nicht von den Einheimischen und immer mehr auch nicht von der Öffentlichkeit in der fernen Heimat. Die physischen wie psychischen Belastungen sind dagegen enorm.

2. Teil: Das Szenario: Afghanistan als Schauplatz eines asiatischen Machtkampfs

Doch was wäre die Folge eines übereilten Abzugs? Afghanistan würde in einen Bürgerkrieg gezogen, der sich durch das Einmischen und Taktieren der Nachbarstaaten über Jahre hinziehen könnte. Das Machtvakuum, das durch ein Verschwinden der Westmächte entstünde, würde rasch von ihnen gefüllt. Schon seit Jahren beobachtet man im nördlichen Gürtel Turkmenistan, Usbekistan und Tadschikistan, im westlichen Nachbarland Iran und im östlichen Pakistan, aber auch in den regionalen Großmachtstaaten Indien und China das hilf- und strategielose Treiben des Westens in Afghanistan. Mit Erschrecken, aber auch mit Häme stellt man fest: Die Nato ist unfähig, das Problem in den Griff zu bekommen.

Afghanistan also würde, nach einem Abzug der westlichen Truppen, wieder in die alten Lager zerfallen: auf der einen Seite die Nordallianz, auf der anderen die Taliban. Turkmenen, Usbeken und Tadschiken würden wieder die Nordallianz bilden und stützen. Hilfe käme von Iran, dem einzigen Land mit schiitischer Bevölkerungsmehrheit: Die gegnerischen Taliban, Sunniten wahabitischer Ausprägung und mit guten Verbindungen ins reiche Saudi-Arabien, halten Schiiten für Ungläubige. Indien, an einer Eindämmung des islamistischen Terrorismus interessiert, würde ebenfalls den Taliban-Gegnern helfen. China, nordöstlicher Nachbar Afghanistans, müsste sich als Rivale Indiens um Einflusssicherung in Zentralasien bemühen; eine Unterstützung der Taliban durch Peking wäre jedoch kaum denkbar. Und natürlich würde auch Russland, trotz seiner dunklen Vergangenheit in dem Land, wieder mitmischen wollen.

In allergrößten Schwierigkeiten aber befände sich die Atommacht Pakistan. Früher eifriger Unterstützer der Taliban, müsste Islamabad seine Politik neu definieren. Zur Nordallianz besteht schon immer ein schlechtes Verhältnis – aber die Taliban unterstützen, obwohl Pakistan selbst seit Jahren unter dem Terror von Selbstmordattentätern und Bombenlegern leidet? In der pakistanischen Bevölkerung fände dieser Kurs mit Sicherheit keine Unterstützung. Auch pakistanische Generäle und Sicherheitspolitiker betonen, ein Rückfall in alte Verhaltensmuster sei nicht denkbar. Aber wer weiß, wie schnell sich die Meinungen ändern, wenn Afghanistan zum Schauplatz eines asiatischen Machtkampfs wird? Aus ihrer Ratlosigkeit jedenfalls machen die Mächtigen in Pakistan kein Geheimnis: Allah behüte, dass die Nato einfach so verschwindet!

Abzug wäre Bankrotterklärung des Westens

Denn der Flüchtlingsstrom würde zunehmen, und schon jetzt ist Pakistan mit den Millionen Entwurzelten aus Afghanistan und weiteren Hunderttausenden Flüchtlingen innerhalb des eigenen Landes wegen der Militäroffensive gegen die Taliban am Rande dessen, was der Staat leisten kann. Zigtausende Menschen leben unter katastrophalen Bedingungen in Zeltstädten, ohne fließendes Wasser, ohne Strom.

Ein übereilter Abzug der Isaf-Truppen wäre, da sind sich auch deutsche Kenner der Region einig, eine Bankrotterklärung der Nato. Babak Khalatbari, Leiter der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung in Pakistan und Afghanistan, sähe darin eine Niederlage des Westens, Gregor Enste von der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung spricht von einer Kapitulation vor den Problemen des Landes.

Das Ziel, Afghanistan zu einen, wird wohl nicht gelingen. Zu fremd sind sich die Ethnien, zu verschieden sind die Interessen der politischen und religiösen Gruppierungen, zu unterschiedlich die wirtschaftlichen, sozialen, gesellschaftlichen Bedingungen der Provinzen. Für die Menschen in Kunduz ist Kandahar eine fremde Welt, für die Menschen in Herat spielt Kabul keine Rolle.

Bisher hat die Nato noch keine Exit-Strategie formuliert. Mal fordern Politiker aus den beteiligten Staaten einen „baldigen Abzug“, um die Afghanen zu mehr Selbständigkeit zu zwingen, dann heißt es wieder, der Einsatz werde noch „mindestens zehn Jahre“ dauern. Gerade erst haben die Amerikaner doch eine Aufstockung der Truppen beschlossen. Und tatsächlich verlangen manche, man müsse kämpfen, „bis der letzte Taliban getötet ist“. Aber ist das möglich? Wer ist ein Taliban und wer nicht? Und sind die Milizen der Nordallianz wesentlich weniger radikal?

Wenn die USA ohne Bildung von staatlichen Minimalstrukturen, ohne eine geregelte Übergabe an die Afghanen und ohne Einbindung der Taliban, der Nordallianz, der Nachbarstaaten und der asiatischen Mächte im Rahmen einer Regionalkonferenz abziehen, würden sie ihren alten Fehler wiederholen. Oder um Friedman zu antworten: Das Baby muss adoptiert werden, koste es, was es wolle. Es auszusetzen, wäre eine historische Dummheit mit unabsehbaren Folgen für die ganze Welt.

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