Zur populistischen Solidarisierung mit Weltanschauungen
Die derzeitige Popularität gegenüber dem Islam als Religion ist ein interessantes Phänomen. Viele begeben sich mittlerweile auf die Suche, ihr Glück in den Suren des Korans zu finden. Vor allem Menschen, die eigentlich einem abendländisch-christlichen Hintergrund entspringen. Auf Grund der politischen Ereignisse wie Irakkrieg, Afghanistankonflikt und dem prinzipiellen kulturellen Schwierigkeiten und Unterschiedlichkeiten zwischen Orient und Okzident, Islam und Christentum, solidarisieren sich Menschen mit der islamischen Religion und entwickeln verstärkte Sympathie.
Die Frage liegt nahe, weshalb gerade in den letzten Jahren die Sympathie so sehr gestiegen ist, viel mehr als in den fünf Jahrzehnten vorher, seit der Gründung der Bundesrepublik 1949. Was könnten also die Gründe dafür sein? Vermutlich gibt es mehrere Anhaltspunkte. Manch einer macht die Globalisierung und ihre ungerechten Auswüchse dafür verantwortlich, ein anderer die imperialistische Außenpolitik der USA und anderer westliche Nationen. Oft ist auch die North Atlantic Treaty Organization (NATO) ein beliebtes Ziel. Darüber zu lamentieren würde viele Seiten mit mehr oder weniger gerechtfertigter Polemik füllen. Diese Ansätze sind zu genüge behandelt worden.
Viel interessanter könnte nicht die Frage nach dem Warum, sondern nach dem „Was wäre wenn?“ sein. Stellen wir uns nämlich vor, die großen Weltanschauungen (ich nenne sie gezielt Weltanschauungen und nicht Religion) wären in vertauschten Rollen. Kulturell und ideologisch. Die geographische Ausrichtung ist in diesem Falle vermutlich nicht entscheiden. Stellen wir uns also vor, das Christentum nähme symbolisch die derzeitige Position des Islams ein und der Islam die Position des Christentums. Gehen wir also davon aus, dass wir seit etwa 2000 Jahren nicht christianisiert sondern islamisiert sind.
Die Historie lief exakt gleich bis ins Jahr 2009. Die spannende Frage wäre nun, würden wir uns in dieser Rolle genauso verhalten wie umgekehrt? Würden wir uns also nun mit dem Christentum solidarisieren und Abstand vom Islam nehmen? Beide Religionen stehen bekanntlich auf einem gleichen Sockel, basieren auf ähnlichen Ideen, berufen sich auf Monotheismus und so weiter. Es gibt grundsätzlich einige Parallelen. Ideologisch dürfte es also keine großen Schwierigkeiten geben. Würden wir uns also jetzt eine Bibel kaufen, anstatt eines Korans und die Unterdrückung des Christentums gegenüber dem Islam kritisieren?
Ich denke prinzipiell: Ja!. Wieso? Weil es nicht wirklich um die Religion und ihre Ideologie an sich geht, sondern vielmehr um eine sehr menschliche Reaktion, nämlich um das Phänomen des Gefühls von Ungerechtigkeit. Wir empfinden Dinge als ungerecht, weil sie mit unserem ethischen Verständnis auf Widerstand stoßen. Die Folge sind emotionelle Reaktionen die wiederum in Handlungen umgesetzt werden. Handlungen wie eben die Solidarisierung mit etwas, dass wir als besser empfinden, bedingt durch eine ungerechte Hintergrundsituation. Hierin erkennt man nun sehr gut, die Ambivalenz, Wandelbarkeit und Anpassungsfähigkeit des Menschen. Dazu kommt natürlich eine gewisse latente Manipulation durch mediale Wirkung. Beispielsweise durch Bilder von Flüchtlingslagern, von weinenden Familien wenn mal wieder ein NATO Bombe nicht, wie behauptet, mit chirurgischer Präzision ein Talibanlager traf, sondern vielleicht ein Krankenhaus oder eine Schule. Die Bilder sprechen direkt unser Emotionen an, Empfindungen entstehen, Gefühle werden evoziert und selbstverständlich wird durch solche Erscheinungen die jeweilige Tat als unmenschlich, grausam, brutal etc. empfunden. Die Auswahl von Adjektiven dafür ist unbegrenzt.
In unserer Welt gibt es ein großes ungeschriebenes Gesetz: Gehe, stehe und handle den momentanen populären Themen entsprechend. Das Individuum einer Gesellschaft handelt also nach einem Mehrheitsprinzip. Irgendetwas ist gerade à la mode und die Mehrheit vereint sich dahinter. Das fängt bei ganz banalen Themen an, wie beispielsweise ipods. Es war nie so, dass diese Mp3-Player rein technisch gesehen um Längen besser waren/sind als die Konkurrenz von Sony, Creative oder Microsoft. Es war schlichtweg irgendwann hip und trendy einen ipod in möglichst ausgefallener Farbe zu besitzen. Es war ein Statussymbol. Es geht um das Herzeigen.
Natürlich kann jetzt nicht so einfach eine Verbindung zwischen einem ipod und einer Weltreligion gezogen werden. Aber es funktioniert zumindest teilweise nach demselben Prinzip. Der Islam fing irgendwann an interessant und anziehend auf die Menschen zu wirken. Eben aus dem geschilderten evoziertem Gefühl von ungerechter und unmenschlicher Behandlung. Abu Ghraib und Guantanamo setzten dem Ganzen nur noch eine eindeutige Spitze drauf.
Es ist selbstverständlich eine natürliche und gute Erscheinung, wenn man sich mit etwas beschäftigt das unter Gewalt, Willkür und Ungerechtigkeit zu leiden hat. Alles andere wäre seelenlos. Jeder klar denkende Mensch wird mit mir einer Meinung sein, wenn ich sage, dass es egal ist ob Menschen durch NATO Bomben oder durch Selbstmordanschläge sterben. Es ist jedes Mal schlecht, egal welche Ideologie oder Ideal dahinter steht. Jeder getroffene, unschuldige Mensch ist einer zu viel. Deswegen will ich auch keinerlei Position beziehen und schon gar nicht die zwei großen Religionen gegeneinander ausspielen oder die Solidarisierung mit dem Islam als etwas Schlechtes charakterisieren. Ich hoffe dass eines Tages alle Religionen auf dieser Welt es schaffen, friedlich in Koexistenz miteinander zusammen zu leben.
Allerdings würde ich mir auch mehr Objektivität in der Wahl seiner alltäglichen Launen wünschen und dazu appellieren, lieber mehr öffentlichen Diskurs zu führen. Gerne auch einen mit einer gewissen Leidenschaft geführten Diskurs, allerdings ohne Populismus.
Deswegen ist das erste Fazit, ja, läge eine Vertauschung der Religionen vor, so wäre jetzt die Solidarisierung mit dem Christentum vorhanden, da es prinzipiell leider etwas ganz anderes geht, nämlich populistische Solidarisierung. Ähnliches ist übrigens bei der derzeitigen Exit Strategie für Afghanistan zu sehen. Das zweite Fazit ist, nicht in eine allzu ambivalente und oberflächliche Weltanschauung abzurutschen. Eine leidenschaftliche, doch objektive Debatte könnte eine Lösung darstellen.
Zur Europawahl: Nationalstaatlichkeit und seine Überwindung
Nachtrag zur Europawahl vom 07.06.2009
Der starke Rechtsruck ist beängstigend. Niederlande, Österreich, aber auch Deutschland haben sich verschoben. Nationales Gedankengut und Nationalstaatlichkeit finden immer stärkeren Anklang unter den Menschen. Im Erfurter Landtag wurde ein Mitglied der NPD gewählt, in Sachsen und weiteren Bundesländern ebenso.
Das die Menschen heutzutage wieder so stark eine so gefährliche Richtung einschlagen ist tragisch und traurig. Es stellt sich die Frage nach dem warum? Warum eine solch niedrige Wahlbeteilung? Warum diese Ablehnung gegenüber dem europäischen Gedanken?
Sicherlich sind einige enttäuscht, haben sich mehr erhofft, sind geschockt durch die Brüsseller Bürokratie. Allerdings haben wir noch gar nicht wirklich Europa kennengelernt. Die Wahl zeigt sehr deutlich, dass wir den nationalstaatlichen Gedanken niemals hinter uns gelassen haben und bei der Mehrheit nie eine Identifikation mit der Europäischen Union zustande kam. Was wollen wir also kritisieren, wenn wir nichts wissen und kennen?
Am Tag darauf hat die Österreichische Philosophin Isolde Charim die Problematik sehr gut auf den Punkt gebracht:
Wir brauchen eben viel mehr Europa. Es muss viel stärker das europäische Bewusstsein und der Gedanke an ein zusammenarbeitendes Europa entwickelt werden. Die Menschen haben bisher nie ein postnationalstaatliches Bewusstsein entwickelt, sind kaum über ihre Landesgrenzen, die den sicherein einheitlichen Raum so tadellos abgrenzen, hinausgekommen von ihrer Denke. Wir verkriechen uns innerhalb der Grenzen und kritisieren und jammern, anstatt wirklich zu erkennen für was Europa eigentlich steht. Nämlich für Gemeinsamkeit, für Entwicklung, für Fortschritt. Die Europäische Union ist der erste nicht militärische Zusammenschloss, der auf wahrem friedlichen Gedanken beruht und der die Entwicklung der zugehörigen Länder primär verfolgt. Wirtschaftlich nicht so starke Staaten profitieren enorm davon, aber auch die großen wie Deutschland, Frankreich und England durch einfacheren Handel. Das Ironische dabei ist, dass gerade die Länder die viel profitieren, die Europäische Union ablehnen, wie einige osteuropäische Staaten, aber auch Österreich beispielsweise.
Europa droht zu zerfallen. Eine großartige Idee fällt einem stockenden und sich nicht weiter entwickelnden menschlichem Bewusstsein zum Opfer. Eine Idee, die noch viele Fehler hat. Das sei dazu gesagt. Allen voran natürlich die viel kritisierte Bürokratie, sowie die Trägheit. Aber es steckt ein Kern in der Idee, der bisher unereicht und absolut fortschrittlich ist: Nämlich die Abwendung (bzw. Überwindung) von Nationalstaatlichkeit zu einem postnationalem Bewusstsein.
Würden wir uns ein bisschen mehr von diesem Kern anschauen und unsere Landesgrenzen und was sich darin befindet erstmal vielleicht nur an die zweite Stelle setzen, würden wir auch mehr Vorteile erkennen.
Denn wahrhaft tragisch ist, dass wir 50 fortschrittliche Jahre hinter uns haben, momentan aber eher wieder rückwärts gehen…
Der Sinn des Lebens ist Leben. Der Sinn im Sein als Form einer selbsterklärenden Schleife. Wie in allen großen Dingen, größten Dingen (wie etwa auch die Liebe), ist die beste Erklärung durch sich selbst gegeben. Eine Melodie wird erst vollkommen und wunderschön wenn man ihre Höhen und Tiefen spielt, wie im Leben welches das perfekteste und vollkommenste ist. Der Sinn liegt im Lachen und im Weinen, im Lieben und im Hassen. Der Sinn liegt in den fallenden Ahornblättern am fahlen Herbstabend. Der Sinn liegt im Wogen der Weide im Frühlingswind. Der Sinn liegt in den Augen der einen, einzigen Frau. Ein Sinn für das Leben müsste an sich größer sein als das Leben selbst.
Wir leben in der „besten aller möglichen Welten“ (so denkt nicht nur Leibniz) und wie könnte man für die höchsten aller Werte einen Sinn finden, wenn nicht durch diese Werte selbst. Wie könnte man eine Erklärung herunterstammeln, mit bloßen Wörtern, für die reine Freude, für die reine Schönheit.
Das Leben an sich mag wohl seine Schwierigkeiten haben, mag wohl seine Hürden und Schmerzen weit jenseits allem vorstellbaren beherbergen. Aber es schwingt doch irgendwie immer der Hauch einer Ahnung mit. Eine Ahnung, dass egal was passiert, ein Sinn hinter dem absoluten schwebt:
Auch der Tod gehört zum Sinn des Lebens und macht das erlebte nur schöner, kompletter. Wie oft wünschten wir uns, dass sich ein Augenblick in die Ewigkeit ziehen, strecken würde. Doch wenn man die schönsten Momente in die Unendlichkeit hinausziehen würde, würden sie schal werden und schwach. Der Tod setzt einen Endpunkt, einen Endpunkt der das Kunstwerk Leben auf Ewig abschließt, verschließt, bevor es sich verläuft, verzieht und an Substanz verliert.
Aber letztendlich kann man den Sinn nicht beschreiben, man muss ihn erleben, Dieser Aufruf der ganzen Welt: Sucht den Sinn nicht, lebt ihn!
-
Letzte
- A Il Principe
- A la Fugitive
- Le Monde
- Fokalisierung in Flauberts Hérodias – Thesenpapier zum Seminar
- Zur populistischen Solidarisierung mit Weltanschauungen
- Warum die NATO zwingend in Afghanistan bleiben muss!
- Internship Mostar / Bosnia and Herzegovina 2009
- Fernando Pessoa – Das Buch der Unruhe 18.07.2009
- Vokabeln Sommersemester 2009 Cours de Société et…
- Charles Baudelaire – „Les Fleurs du Mal“ und anderes… 07.07.2009
- Gustave Flaubert – Madame Bovary 07.07.2009
- Racine – Phèdre 22.06.2009
-
Links
-
Archive
- November 2009 (2)
- Oktober 2009 (2)
- September 2009 (2)
- August 2009 (1)
- Juli 2009 (4)
- Juni 2009 (3)
- Mai 2009 (3)
- März 2009 (1)
- Oktober 2008 (2)
- Mai 2008 (1)
- April 2008 (2)
- September 2007 (3)
-
Kategorien
-
RSS
RSS der Einträge
Kommentarfeed