Warum die NATO zwingend in Afghanistan bleiben muss!

Die Nato steht wegen ihrer Angriffe in der Kritik, bei der Präsidentenwahl gab es Stimmbetrug, die Taliban erstarken. In dieser desolaten Situation fordern immer mehr Stimmen im Westen, Afghanistan sich selbst zu überlassen. Doch das wäre eine Katastrophe – für die ganze Welt, meint Hasnain Kazim, SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent in Islamabad.
Als die sowjetischen Truppen 1989 nach zehn verlustreichen Jahren aus Afghanistan abgezogen wurden, begann das Unheil: Die islamischen Krieger, damals noch Mudschahidin genannt, von Pakistan und den USA aufgebaute Widerstandskämpfer gegen die Rote Armee, wurden von Washington plötzlich alleingelassen. Die nützlichen Idioten hatten ihren Zweck erfüllt. Die Sowjets, böse Ungläubige für die einen, böse Kommunisten für die anderen, waren besiegt.
Was danach kam, ist eine hinlänglich bekannte Geschichte des Grauens: Afghanistan war zerstört, selbst gemäßigte Muslime fühlten sich verraten und verkauft. Unter den verschiedenen Strömungen der Mudschahidin brach ein Machtkampf aus, ab Mitte der neunziger Jahre eroberten die besonders radikalen Taliban, jetzt nur noch von Pakistan unterstützt, erst die Köpfe der Menschen und dann, als es zu spät war, sie noch aufzuhalten, fast das gesamte Land. Es war eine Zeit des Schreckens und der übelsten Form religiöser Machtausübung, öffentliche Hinrichtungen inklusive. Die USA lieferten als übermächtiger Feind die ideologische Rechtfertigung für den neuen „heiligen Krieg“, der in die Terrorangriffe am 11. September 2001 mündete und den „Krieg gegen den Terror“ provozierte.
Die Lage ist zum Verzweifeln
Wie kann man nach dieser historischen Erfahrung ernsthaft darüber sinnieren, Afghanistan erneut sich selbst zu überlassen? Wie kommt ein sonst so kluger Kolumnist wie Thomas L. Friedman dazu, aufgeschreckt durch die negative Stimmung in der amerikanischen Bevölkerung über den Afghanistan-Einsatz in der „New York Times“ zu schreiben: „Dies ist ein viel größeres Vorhaben als das, wofür wir uns ursprünglich verpflichtet haben. Bevor wir ein neues Baby – Afghanistan – adoptieren, brauchen wir eine neue nationale Diskussion über dieses Projekt: Was wird es kosten, wie lange könnte es dauern, welche US-Interessen machen es erforderlich und, vor allem, wer beaufsichtigt die Strategie?“
Sicher, die Lage ist zum Verzweifeln: Die Taliban, kurz nach dem Einmarsch der USA im Dezember 2001 als besiegt geglaubt, gewinnen wieder mehr Einfluss. Täglich melden Kommandeure der Islamisten die Einnahme neuer Regionen, in diesem Jahr sind mehr Isaf-Soldaten gefallen als in den ersten drei Kriegsjahren zusammen. Und auch wenn die Uno behauptet, erfolgreich im Kampf gegen den Drogenanbau zu sein – die Taliban sitzen auf Opiumvorräten, mit denen sie noch viele Jahre ihren Dschihad finanzieren können.
Die Nato-Truppen stehen derweil wegen der wachsenden Zahl ziviler Opfer durch ihre Angriffe in der Kritik, neuerdings auch die Bundeswehr. Längst hält eine Mehrheit der Afghanen die westlichen Soldaten nicht mehr für Befreier, sondern für Besatzer. Das arrogante, ruppige Auftreten insbesondere der US-Soldaten trägt nicht gerade zum guten Ruf bei.
Wenig hilfreich war auch das Verhalten von Verteidigungsminister Franz Josef Jung nach dem verheerenden Luftschlag gegen zwei gekaperte Tankwagen: Anstatt schnelle Hilfe für die Verletzten zuzusagen, bestritt er zunächst zivile Opfer. Erst nach erheblichem internationalen Druck räumte er kleinlaut ein, dass womöglich doch nicht nur Taliban getötet wurden – als käme es auf ein paar afghanische Zivilisten nicht an. Er bestärkte mit dieser unüberlegten Reaktion das vom Westen vermittelte Gefühl der Menschen, dass ein afghanisches Leben weniger wert ist als das eines westlichen Soldaten. So denkt man inzwischen, nach immer neuen Opfern durch US-Drohnen im Grenzgebiet, auch in Pakistan: Dem Westen sind wir egal, Hauptsache, wir nützen seinen Interessen.
Karzai hat Chance auf demokratische Legitimation verspielt
Die Präsidentenwahl in Afghanistan sollte, so hoffte man im Westen, ein neues Kapitel aufschlagen: Sie sollte eine demokratisch gewählte, allseits geachtete Leitfigur schaffen, die die ethnischen Gruppen versöhnt und die dem Land acht Jahre nach Kriegsbeginn endlich staatliche Strukturen verschafft. Aber wieso sollte das ausgerechnet Hamid Karzai, der jene acht Jahre lang versagt hat und den die Menschen für eine Marionette des Westens halten, jetzt gelingen? Weshalb sollten Hazaras, Tadschiken, Usbeken, Turkmenen auf der einen Seite, die übermächtigen Paschtunen auf der anderen sich plötzlich die Hände reichen? Karzai verspielte jede Chance auf echte demokratische Legitimation, indem er sich nicht nur von Drogen- und Kriegsfürsten unterstützen, sondern seine Anhänger bei Wahlfälschungen kräftig mitmischen ließ.
Es ist nicht viel, bei dem sich die Menschen in dieser unruhigen Weltgegend einig sind, aber darin schon: Das, was die Nato, allen voran der größte Truppensteller USA, aber auch die anderen, in Afghanistan bewirken, ist eine Katastrophe. Der Bau von Brunnen und Brücken, Schulen und Straßen wiegt nicht auf, was durch das „robuste Mandat“, wie es im Bundeswehrjargon heißt, angerichtet wird.
Verständlich, dass man in den westlichen Hauptstädten frustriert ist: Wozu das Leben von Soldaten aufs Spiel setzen, helfen, Milliardensummen ausgeben – wenn es einem niemand dankt? Warum versuchen, Demokratie zu etablieren, wenn Demokratie nicht gewollt wird? Und die einfachen Soldaten sind enttäuscht, da ihre Entbehrungen, ihre Leistungen, ihre Bereitschaft, den Kopf hinzuhalten, wenig bis gar nicht gewürdigt werden – nicht von den Einheimischen und immer mehr auch nicht von der Öffentlichkeit in der fernen Heimat. Die physischen wie psychischen Belastungen sind dagegen enorm.
Doch was wäre die Folge eines übereilten Abzugs? Afghanistan würde in einen Bürgerkrieg gezogen, der sich durch das Einmischen und Taktieren der Nachbarstaaten über Jahre hinziehen könnte. Das Machtvakuum, das durch ein Verschwinden der Westmächte entstünde, würde rasch von ihnen gefüllt. Schon seit Jahren beobachtet man im nördlichen Gürtel Turkmenistan, Usbekistan und Tadschikistan, im westlichen Nachbarland Iran und im östlichen Pakistan, aber auch in den regionalen Großmachtstaaten Indien und China das hilf- und strategielose Treiben des Westens in Afghanistan. Mit Erschrecken, aber auch mit Häme stellt man fest: Die Nato ist unfähig, das Problem in den Griff zu bekommen.
Afghanistan also würde, nach einem Abzug der westlichen Truppen, wieder in die alten Lager zerfallen: auf der einen Seite die Nordallianz, auf der anderen die Taliban. Turkmenen, Usbeken und Tadschiken würden wieder die Nordallianz bilden und stützen. Hilfe käme von Iran, dem einzigen Land mit schiitischer Bevölkerungsmehrheit: Die gegnerischen Taliban, Sunniten wahabitischer Ausprägung und mit guten Verbindungen ins reiche Saudi-Arabien, halten Schiiten für Ungläubige. Indien, an einer Eindämmung des islamistischen Terrorismus interessiert, würde ebenfalls den Taliban-Gegnern helfen. China, nordöstlicher Nachbar Afghanistans, müsste sich als Rivale Indiens um Einflusssicherung in Zentralasien bemühen; eine Unterstützung der Taliban durch Peking wäre jedoch kaum denkbar. Und natürlich würde auch Russland, trotz seiner dunklen Vergangenheit in dem Land, wieder mitmischen wollen.
In allergrößten Schwierigkeiten aber befände sich die Atommacht Pakistan. Früher eifriger Unterstützer der Taliban, müsste Islamabad seine Politik neu definieren. Zur Nordallianz besteht schon immer ein schlechtes Verhältnis – aber die Taliban unterstützen, obwohl Pakistan selbst seit Jahren unter dem Terror von Selbstmordattentätern und Bombenlegern leidet? In der pakistanischen Bevölkerung fände dieser Kurs mit Sicherheit keine Unterstützung. Auch pakistanische Generäle und Sicherheitspolitiker betonen, ein Rückfall in alte Verhaltensmuster sei nicht denkbar. Aber wer weiß, wie schnell sich die Meinungen ändern, wenn Afghanistan zum Schauplatz eines asiatischen Machtkampfs wird? Aus ihrer Ratlosigkeit jedenfalls machen die Mächtigen in Pakistan kein Geheimnis: Allah behüte, dass die Nato einfach so verschwindet!
Abzug wäre Bankrotterklärung des Westens
Denn der Flüchtlingsstrom würde zunehmen, und schon jetzt ist Pakistan mit den Millionen Entwurzelten aus Afghanistan und weiteren Hunderttausenden Flüchtlingen innerhalb des eigenen Landes wegen der Militäroffensive gegen die Taliban am Rande dessen, was der Staat leisten kann. Zigtausende Menschen leben unter katastrophalen Bedingungen in Zeltstädten, ohne fließendes Wasser, ohne Strom.
Ein übereilter Abzug der Isaf-Truppen wäre, da sind sich auch deutsche Kenner der Region einig, eine Bankrotterklärung der Nato. Babak Khalatbari, Leiter der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung in Pakistan und Afghanistan, sähe darin eine Niederlage des Westens, Gregor Enste von der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung spricht von einer Kapitulation vor den Problemen des Landes.
Das Ziel, Afghanistan zu einen, wird wohl nicht gelingen. Zu fremd sind sich die Ethnien, zu verschieden sind die Interessen der politischen und religiösen Gruppierungen, zu unterschiedlich die wirtschaftlichen, sozialen, gesellschaftlichen Bedingungen der Provinzen. Für die Menschen in Kunduz ist Kandahar eine fremde Welt, für die Menschen in Herat spielt Kabul keine Rolle.
Bisher hat die Nato noch keine Exit-Strategie formuliert. Mal fordern Politiker aus den beteiligten Staaten einen „baldigen Abzug“, um die Afghanen zu mehr Selbständigkeit zu zwingen, dann heißt es wieder, der Einsatz werde noch „mindestens zehn Jahre“ dauern. Gerade erst haben die Amerikaner doch eine Aufstockung der Truppen beschlossen. Und tatsächlich verlangen manche, man müsse kämpfen, „bis der letzte Taliban getötet ist“. Aber ist das möglich? Wer ist ein Taliban und wer nicht? Und sind die Milizen der Nordallianz wesentlich weniger radikal?
Wenn die USA ohne Bildung von staatlichen Minimalstrukturen, ohne eine geregelte Übergabe an die Afghanen und ohne Einbindung der Taliban, der Nordallianz, der Nachbarstaaten und der asiatischen Mächte im Rahmen einer Regionalkonferenz abziehen, würden sie ihren alten Fehler wiederholen. Oder um Friedman zu antworten: Das Baby muss adoptiert werden, koste es, was es wolle. Es auszusetzen, wäre eine historische Dummheit mit unabsehbaren Folgen für die ganze Welt.
Internship Mostar / Bosnia and Herzegovina 2009

Die Anfänge
Die Anfänge liegen in Kroatien kurz nach dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien. Wie in jedem Krieg, wurden auch in diesem tausende Häuser, Schulen, öffentliche Einrichtungen, allgemein gesagt die Infrastruktur, zerstört. Es gab tausende Flüchtlinge, die jetzt, da ihre Häuser zerstört waren, nicht mehr in ihre Dörfer und Städte zurückkehren konnten. Deswegen wurde probiert, Flüchtlinge und Vertriebene in den vielen Hotels an der kroatischen Küste unter zu bringen. Doch dieser Zustand konnte nicht ewig andauern und man beschloss mit internationaler Hilfe den infrastrukturellen Wiederaufbau in Kroatien.
Die erste Phase war der Wiederaufbau der zerstörten Dörfer und Siedlungen, damit die Menschen dorthin zurückkehren konnte um ihrem alltäglichen Leben und Aufgaben nachzugehen. Swiss Humanitarian Aid (SHA) kümmerte sich damals um den Aufbau. Unterstützt, vor allem finanziell, wurde SHA von der United Nations High Commissioner for Refugees (UNHCR) und der ODPA (Development Policy Analysis). Es sollte ein neues Leben ermöglicht werden.
Die zweite Phase bestand darin, Schulen wieder aufzubauen. Also den Bildungssektor mit Hilfe von Grundschulen zu gewährleisten.
In Bosnien und Herzegovina wurde ein ähnliches System probiert. Dazu kam, dass kaum eine Rechtsstaatlichkeit vorhanden war, sodass hier der Aufbau von Gerichtsgebäuden primär war. Anschließend kümmerte man sich ebenfalls um die Rückkehr der Flüchtlinge. Es wurden Häuser gebaut, vor allem mit der finanziellen Unterstützung durch UNHCR und der Schweizer Regierung.
Die Rückkehr von Flüchtlingen und Vertriebenen sowie die Implementierung von Institutionen war in Bosnien und Herzegovina aber nicht so einfach wie in Kroatien. Das lag/liegt vor allem an den vorhanden drei Ethnien Kroaten, Serben und Bosniaken. Im Krieg kämpften im wesentlichen Kroaten und Bosniaken gegen die serbische Armee, wobei nicht nur die Serben sondern auch die Kroaten ein Stück von BiH haben wollten. Prinzipiell ging es lediglich um Landeroberung.
Nach dem Sieg der Amerikaner und der NATO (North Atlantic Treaty Organisation) über die serbische Armee, kam es zu Überlegungen was mit dem Gebiet BiH passieren sollte. Im Dayton Abkommen von 1995/96 wurde BiH nach seinen Ethnien in die Föderation und die Republik Srpska (Serbische Republik) geteilt.
Das Problem war, dass beide Seiten eigentlich als Siege darstehen wollten, um ihr Gesicht zu wahren, sodass das ursprüngliche Ziel, nämlich die Landeroberung indirekt doch von den beiden Parteien erreicht wurde. Denn BiH wurde in die Bosniakisch-kroatische Förderation und die Republika Srpska beteilt.

Wesentliche Punkte des Dayton Abkommen waren:
- Bosnien und Herzegowina, das sich 1992 für unabhängig von Jugoslawien erklärt hatte, bleibt als souveräner und ungeteilter Staat in den international anerkannten Grenzen bestehen.
- Sarajevo bleibt Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina.
- Bosnien und Herzegowina wird von Kroatien und von der Bundesrepublik Jugoslawien anerkannt.
- Bosnien und Herzegowina, so der neue Name, setzt sich aus zwei Teilrepubliken (Entitäten) zusammen: der Republika Srpska (Serbische Republik) mit 49 % und der (bosniakisch-kroatischen) Föderation von Bosnien und Herzegowina mit 51 % des Territoriums.
- Über die Zugehörigkeit des Brčko-Distrikts zu einer der beiden Teilrepubliken sollte erst später entschieden werden. (In der Zwischenzeit ist diese Entscheidung dahingehend gefallen, dass Brčko ein Kondominium zwischen beiden Teilrepubliken ist, tatsächlich untersteht der Distrikt jedoch der Zentralregierung bei lokaler Selbstverwaltung.)
Interessant ist nun, dass BiH zwar als eigenständiges Land anerkannt, es aber dennoch nach den Ethnien getrennt wurde, sodass eine gewisse Sympathie der Republik mit Serbien und der Föderation mit Kroatien vorlag.
Das die Ethnien damals feindselig gegeneinander standen, kann man vor allem gut anhand der Geldscheine sehen. So gab es über die jeweiligen Personenbilder auf den Scheinen Uneinigkeiten, in deren Folge man sich auf einen Kompromiss einigte: Zum einen wurden Geldscheine mit serbischen Persönlichkeiten gedruckt, zum anderen Geldscheine mit kroatischen bzw. bosnischen Persönlichkeiten. Glücklicherweise ist das Bild heutzutage aber vollkommen egal. Bereits ein, spätestens zwei Jahre nach Einführung war die Persönlichkeit nicht mehr wichtig und alle akzeptierten jeden Schein.
Ok, das hat jetzt eine ganze Weile gedauert bis ein weiterer Eintrag kam… Mein blöder Laptop ist vor knapp einem Monat gecrasht. Festplatte und Bildschirm, hurra… naja gut…
Vielleicht noch ein kurzer Nachtrag zu dem vorhergierigen. Bei meiner Arbeitsstätte hängt eine große Weltkarte. In Marokko hergestellt. Letzthin habe ich mal darüber geschaut und musste feststellen, dass kein Israel verzeichnet ist. Dort wo auf unseren Karte Israel ist, stehlt bei den Marokkanern Palästina… Ein weiterer Punkt ist auch, dass Westsahara nicht als separates Land geführt wird oder wenigstens die alte Grenze verzeichnet ist, nein, Westsahara ist auf den marokkanischen Karten einfach Marokko.
Naja, daraufhin habe ich einen Marokkaner der mit mir arbeitet gefragt, was es mit der Palästinasache auf sich hat. Falsche Frage.
Vielleicht hat er meinen etwas forschen Unterton bemerkt, auf jeden Fall hat er sofort gemeint, dass Israel ja nur unrechtmäßig Palästina besetzt und man die Israelis (Juden) rauswerfen sollte damit die armen Palästinenser endlich wieder ihr Land bekämen. Mein Einwurf das man ja zwei Länder haben könnte oder ein friedliches Beisammensein, blockte er immer wieder damit ab, dass den Israelis das Land nicht gehöre.
Ich hab dann weitere Marokkaner gefragt, leider sehen praktisch alle das genauso. Israel hat hier recht wenig Sympathien.
Was sicherlich auch ganz interessant ist, man sollte niemals sagen man sei Atheist. Das verstehen die Menschen hier nicht. In ihren Vorstellungen kann es niemanden geben der an gar keinen Gott glaub. Am besten ist es noch zu sagen, man sei Christ. Das wird ohne weiteres akzeptiert und auch gern gesehen, dass man einer monotheistischen Religion angehört. Aber Atheismus oder irgendeine existentialistisch philosophische Richtung, und sei sie auch mit religiösem Hintergrund, ist praktisch nicht möglich. Wobei man wirklich sagen muss, dass Meinungen hier gut akzeptiert werden.
Nach sieben Wochen kann ich auch wirklich sagen, dass Marokko wohl eines der besten afrikanischen Länder ist und vermutlich auch besser läuft als die Türkei. Denn es scheint mir doch offener und westlich orientierter. Nicht ganz so hitzköpfig und schnell zünderisch. Außerdem läuft die Wirtschaft vergleichsweise wirklich gut.
Zum Beispiel hat Marokko rund 30 Millionen Einwohner und jedes Jahr werden 20 Millionen Tonnen Getreide produziert, was sehr viel ist. Agrikultur läuft in Marokko wirklich gut.
16.04.08
Ok, wo geht es nun weiter… Na ja, vielleicht noch an dem Ankunftsabend. Bereits an diesem Freitag habe ich alle Freiwilligen in Rabat kennen gelernt. Jede Woche sind ein oder auch zwei Treffen aller Volluntere. Allesamt sind sehr sehr nett. Wir haben uns in einer Hotelbar getroffen, wo mir allerdings auch schnell klar wurde, dass ich alles in allem nicht so billig wegkommen werde wie ich zunächst dachte. Aber dazu später.
Also wie gesagt, die Volluntere sind alle sehr freundlich. Überwiegend aus UK oder Amerika. Ansonsten ein Schweizer (wohnt in derselben Gastfamilie wie ich) und eine Deutsche. Der ganze Rest, rund 20 Personen, sind Briten oder Amerikaner. Na ja, wie es eigentlich fast zu erwarten war, ist die Anzahl der männlichen Teilnehmer an dem Programm überschaubar. Heißt alles in allem vier Männer (einschließlich mir) und rund 20 Frauen.
Jeden Dienstag gibt es ein Treffen in einer der Gastfamilien für alle Teilnehmer. Einfach so ein gemeinsames Beisammensein. War bisher aber immer ganz nett. Das lustige ist nur, dass das mittlerweile auch schon so eine Art Präsentationswettkampf ist. Das heißt, man probiert natürlich das beste und meiste Essen und Trinken zu liefern. Rabat ist eh auch ein zeigen von Wohlstand für hiesige Verhältnisse.
Wenn wir schon beim Thema sind, ein paar Worte zu den Menschen in Rabat. Wie schon gesagt ist das Leben hier auch viel „Zeigen“. Es gibt relativ reiche Stadteile. Wie zum Beispiel Agdal. Das ist ein Geschäftsviertel ziemlich in der Mitte von Rabat. Vieles sieht dort genauso aus wie bei uns. Und leider sind aber auch die Menschen so. Die meisten die etwas Wohlstand erlangt haben, benutzen ihr Geld dazu, sich zu präsentieren. Das heißt vor allem man kauft Designerware. Gucci ist relativ beliebt. Dolce und Gabana natürlich, Armani und der ganze Quatsch. Ich persönlich finde, dass das mehr lächerlich und prollig als chic wirkt, aber was solls. Leider wirkt sich die ganze Chose aber auch auf die Charaktere aus. Die Menschen sind weitestgehend unfreundlich, arrogant und überheblich – gegenüber jedem. Touristen wir mir, aber auch gegen ihre eigenen Landsleute. Es ist alles sehr unterkühlt. Diese Überheblichkeit verstärkt natürlich, wie überall, die Kluft zwischen arm und reich erheblich.
Vorgestern probierte ich Geld zu wechseln. Ich hatte nur einen 100Dirham Schein, benötigte aber 4 Dirham in Münzen für den Bus. Es brauchte vier Läden bis ich jemanden fand der mir das Geld tauscht. Zwei Ladenbesitzer meinte, es waren Schreibwarenläden, sie gäben sich nicht mit so niedrigen Beträgen ab.
Später sprach ich mit dem Amerikaner in meiner Gastfamilie darüber, und er meinte das sei typisch für Rabat. Er meint, die Menschen in Rabat seien die unfreundlichsten. Abgesehen von denen aus der Medina – und bisher kann ich das nur bestätigen. Die Menschen die ich bisher aus der Medina kennengelernt habe, waren klasse. Sehr sehr freundliche, einfache Leute. Irgendwie korreliert Wohlstand mit Überheblichkeit und wenig Geld mit Freundlichkeit. Natürlich nicht in allen Fällen, aber es gibt da schon so etwas wie einen roten Faden der sich durchzieht.
Aber sonst waren die Erfahrungen mit den Menschen ganz in Ordnung. Ich bin gespannt wie die Menschen im Süden, weg von den großen Städten sind. Ich habe gehört, dass alles was südlicher von Marrakesch ist, sehr freundlich sein soll.
Es gibt hier verschiedene Projekte für uns. Manche sind nur hier um Sprachen zu lernen. Arabisch oder Französisch. Ansonsten gibt es Volluntere die Englisch an staatlichen Schulen unterrichten und welche die in dem Health und Care Projekt sind. Das Health und Care Projekt findet zum einen an einer Art Schule für behinderte Kinder und Jugendliche statt. Aber auch Straßenkinder kommen hierher. Persönlich habe ich die Einrichtung noch nicht gesehen, bisher aber nur schlechtes gehört, was sehr stark mit den teilweise unheimlich tief sitzenden Traditionen zu tun hat. Aber dazu später. Im Groben gesagt, herrscht ein in der Schule ein striktes Klassensystem und pädagogische Maßnahmen wie in den 1920er und 1930er Jahren. Das heißt zunächst vor allem, dass die Kinder geschlagen werden sobald sie etwas machen, was den richtigen Lehrern nicht passt.
Die andere Einrichtung im Stadtteil Takadum ist großartig. Ich war letzte Woche zwei mal dort. Takadum ist ein relativ armer Teil von Rabat. Die Einrichtung ist eine Halbtagsbetreuungsstätte, bestehend aus zwei Räumen die etwa so groß sind wie ein durchschnittliches THG Klassenzimmer. Also gar nicht so übel. Es gibt praktisch für jedes Kind Einzelbetreuung. Das Konzept basiert auf Freiwilligkeit. Das heißt die Kinder können kommen und gehen wie sie wollen. Und so können es quasi auch die Betreuer halten – das Konzept funktioniert meistens gut. Es herrscht eigentlich nie ein Mangel von Betreuern, zumal auch immer drei, vier Volluntere vor Ort sind. Leider sind es aber selten mehr als sieben oder acht Kinder und Jugendliche. Wir wissen nicht genau wieso die Kinder so unregelmäßig erscheinen. Manchmal sind auch nur drei da. Manchmal aber auch 10 oder 12.
Die körperlichen und geistigen Behinderungen sind teilweise sehr stark. Viel mehr als ganz einfache Spiele kann man nicht machen, aber das zumindest funktioniert prima. Manchmal geht man auch in einen nahe gelegenen Park zum Fußballspielen.
Sicherlich hat niemand von den Betreuern eine pädagogische Ausbildung oder ähnliches, aber ich meine im Prinzip funktioniert das Konzept und die Kinder und Jugendliche haben Spaß soweit ich das beurteilen kann. Außerdem ist das Projekt umsonst und die Eltern können ihre Kinder bringen wann immer sie wollen.
Zur anderen Einrichtung lässt sich noch sagen, es wurden letzte Woche Beschwerden über das Verhalten der Lehrer gegenüber der Kinder eingereicht. Das eine enorme Klassengesellschaft gezielt verstärkt wird und die Kinder mit Schlägen misshandelt werden. Der Rektor weiß wohl davon, es traut sich aber niemand was zu unternehmen, vor allem auch weil kein wirkliches Schuldgefühl vorherrscht. Die Tradition von Klassen und Unterschiedlichkeiten ist viel zu tief verankert.
Mal schauen ob es wirklich so schlimm ist.
Vielleicht schnell ein Zwischengedanke zum Thema „feste Verankerung von Traditionen in der Gesellschaft“. Niemals ein Wort gegen die Monarchie oder gar den König sagen. Jeder, wirklich jeder hat hier irgendwo ein Bild das Königs hängen. Auch Leute die Jahre im Ausland studiert und verbracht haben. Die das System einer Demokratie eigentlich auswendig kennen – wie zum Beispiel der Country Director von Projects Abroad Saad. Hat in London studiert, acht Jahre gewohnt und ist schwul. Was selbst in unserer Gesellschaft noch ungewöhnlich ist. Aber auch er ist ganz strikt was ein monarchisches System angeht.
Die Menschen hier behaupten, der König ist weltoffen, freundlich und will der Bevölkerung helfen. Aber anstatt Sozialmaßnahmen zu ergreifen wie beispielsweise Obdachlosenunterstützung oder das marode Schulsystem zu verbessern, hat er sich in jeder größeren Stadt, Rabat, Casablanca, Tanger, Fez, Agadir, Marrakesch eine eigene Residenz oder Palast bauen lassen.
Marokko hat nach Bangladesch die schlechtesten Statistiken was Bürokratie, Schulsystem, Sozialversorgung, Bestechung und verschwinden von Geldern angeht – hat zumindest Saad gemeint. Ich persönlich glaube nicht das es wirklich ganz so schlecht ist, aber ein gewisser wahrer Kern stimmt mit Sicherheit.
Der König wird vor allem deswegen geliebt, weil er eine „Bürgerliche“, die Tochter eines sehr reichen Industrieellen, geheiratet hat.
Ich glaube, selbst wenn man den Marrokanern die vollständige Demokratie (sie dürfen wählen, haben ein Parlament und alles, nur hat der König die höchste Entscheidungsmacht) anbieten würde, sie würden sie ablehnen.
Okay, fairerweise muss man sagen, im großen und ganzen läuft es gut und Marokko ist wohl so ziemlich das Land in Afrika, mit dem meisten Wohlstand. Im Vergleich also, kann man vermutlich recht wenig sagen. Einige Sachen sind aber schon sehr umstritten. Wie zum Beispiel auch die unrechtmäßig Aneignung von Sahara und der Grenzverlauf mit Algerien.
Marokko 14.04.08
Es ist nun knapp eine Woche seit der Ankunft in Rabat vergangen. Bisher kann ich im großen und ganzen nur sagen, dass alles erstaunlich gut läuft. Sicher waren die ersten 2, 3 Tage ganz anders im Verhältnis zu Europa oder Deutschland. Aber das war ja zu erwarten. Und die Umstände sind irgendwie auch nicht schlechter. Einfach nur anders, interessant anders.
Ich kam Freitag Abend gegen 19.30 Uhr örtlicher Zeit an. Das ist 21.30 Uhr in Deutschland. Der Flughafen in Rabat ist eigentlich nicht wirklich das was man einen Flughafen nennen kann. Eine kleine Landebahn, ein kleines Gebäude, drei Zollhäuschen, 1 Gepäckbahn und das Flugzeug hält keine 25 Meter weg von den Zollhäuschen.
Bleibt man maximal 3 Monate oder eben 90 Tage im Königreich Marokko, so muss man lediglich einen kleinen Visazettel mit Name, Passnummer und so weiter ausfüllen. Dasselbe wie es in Thailand war. Die einzige kleine Sache die hier passierte war, dass eben auch nach der Adresse wo man in Rabat unterkommt fragt. Und woher soll ich das wissen? Ich war ja noch nie zuvor in Rabat oder wusste die Adresse meiner Gastfamilie. Ganz zu schweigen von einer Orientierung. Wie auch immer, nach einem kurzen hin und her gab sich die Dame im Zollhäuschen mit der Projects Abroad Anschrift, die einzige die ich hatte, zufrieden.
Das mit dem Abholen funktionierte problemlos, genauso wie die Sache mit dem großen Gepäck.
Rabat wächst mittlerweile mit dem größeren Ort Salle zusammen. Sie sind quasi eins. Rabat mit rund 500 bis 600 tausend und Salle mit circa einer Millionen Einwohner.
Je näher man am Äquator ist, desto früher wird es dunkel und umso früher geht die Sonne wieder auf. Das heißt für Rabat, dass es um rund 18 Uhr örtlicher Zeit (20 Uhr Deutschland) bereits recht dunkel ist. Gegen fünf Uhr geht die Sonne wieder auf.
Insofern konnte ich am Freitag noch nicht allzu viel von Rabat erkennen. Nur das es sehr wie Istanbul aussah – bisher. Das heißt im konkreten, dass der Verkehr ein pures Desaster ist. Im Prinzip gibt es hier auch keine wirklichen Verkehrsregeln. Das einzige was sie haben sind Ampeln, und nachts hält sich beispielsweise auch kein Schwein daran. Im Prinzip gibt es auch Bahnbegrenzungen, aber schlussendlich fährt jeder wie er will. Das Verkehrsproblem hängt übrigens auch mit den vielen Menschen in Rabat zusammen, die verkrüppelte Beine haben. Denn der Verkehr ist bei weitem nicht so dicht wie in Istanbul. Es ist schon was los, aber es reicht um das Auto immer mal wieder auf 60, 70, 80 oder gar 90 km/h zu beschleunigen. Auch wenn es eigentlich eine einheitliche Geschwindigkeitsbegrenzung auf 40 beziehungsweise 50 km/h gibt. Dadurch sind eventuelle Unfälle auch viel schlimmer.
Natürlich wird auch immer gehupt, wenn man beispielsweise einen Zebrastreifen ( oh ja, das ist neben den Ampeln das andere was sie haben) überqueren will. Die Autofahrer scheuen auch nicht davor zurück, einfach auf dich zu zufahren. Im Normalfall funktioniert die Taktik, denn gegen ein Auto ist man leider machtlos.
Von Zeit zu Zeit sieht man aber auch Straßenpolizisten den Verkehr regeln. Das geht dann solange gut, wie die Autos in der nähe der Polizisten sind – denn da fahren sie schön brav.
Die wichtigsten Verkehrsmittel in Rabat sind die Busse, die grand Taxis und die petit Taxis. Die Busse kosten 4 Dirham (etwa 35 bis 40 Eurocent), egal wohin man will. Das Problem ist nur, sie sind relativ langsam und nicht pünktlich und oft überfüllt. Aber sie sind dennoch bisher mein liebstes Fortbewegungsmittel, da man wenigstens aus dem Fenster schauen kann.
Die grand und petit Taxis kosten auch jeweils 4 Dirham. Außer nachts, da werden dann die Zähleruhren eingeschaltet. Sie sind relativ schnell und bringen einen recht zuverlässig an alle wichtigen großen Knotenpunkte. Sie fahren keine direkten Ziele an. Ich glaube auch nicht, dass die meisten Fahrer wirklich kleinere Straßen kennen. Aber eben die großen Punkte wie das Bab Shella. Eine großes Tor das den wichtigsten Eingang zur Medina (Altstadt) bildet wo ich wohne.
Das hört sich jetzt besser an als die Busse, das Problem ist nur, die großen Taxis transportieren 6 Passagiere, die kleinen drei. Die kleinen Taxis sind Fiat Puntos. Das geht noch recht gut mit drei Passagieren. Die großen Taxis sind uralte 80iger Jahre Mercedesse, deren Sitzbänke nicht wirklich größer sind als die eines Fiat Puntos. Also werden zwei Passagiere auf den Frontsitz platziert und vier auf der Rückbank. Das ist ein Gequetsche. Zwar irgendwie lustig, aber nicht wirklich entspannend. Aber das größere Problem ist mehr, dass die Taxis immer nur ein Ziel anfahren. Das heißt, zum einen das du immer warten musst bis die Taxis wirklich voll sind und das alle anderen Passagiere dasselbe Ziel haben müssen wie du – oder du wie sie. Mitunter ist da der Bus schneller. Manchmal ist das wirklich eine mühselige Rumfragerei. Naja, bisher bevorzuge ich Busse.
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