16.04.08
Ok, wo geht es nun weiter… Na ja, vielleicht noch an dem Ankunftsabend. Bereits an diesem Freitag habe ich alle Freiwilligen in Rabat kennen gelernt. Jede Woche sind ein oder auch zwei Treffen aller Volluntere. Allesamt sind sehr sehr nett. Wir haben uns in einer Hotelbar getroffen, wo mir allerdings auch schnell klar wurde, dass ich alles in allem nicht so billig wegkommen werde wie ich zunächst dachte. Aber dazu später.
Also wie gesagt, die Volluntere sind alle sehr freundlich. Überwiegend aus UK oder Amerika. Ansonsten ein Schweizer (wohnt in derselben Gastfamilie wie ich) und eine Deutsche. Der ganze Rest, rund 20 Personen, sind Briten oder Amerikaner. Na ja, wie es eigentlich fast zu erwarten war, ist die Anzahl der männlichen Teilnehmer an dem Programm überschaubar. Heißt alles in allem vier Männer (einschließlich mir) und rund 20 Frauen.
Jeden Dienstag gibt es ein Treffen in einer der Gastfamilien für alle Teilnehmer. Einfach so ein gemeinsames Beisammensein. War bisher aber immer ganz nett. Das lustige ist nur, dass das mittlerweile auch schon so eine Art Präsentationswettkampf ist. Das heißt, man probiert natürlich das beste und meiste Essen und Trinken zu liefern. Rabat ist eh auch ein zeigen von Wohlstand für hiesige Verhältnisse.
Wenn wir schon beim Thema sind, ein paar Worte zu den Menschen in Rabat. Wie schon gesagt ist das Leben hier auch viel „Zeigen“. Es gibt relativ reiche Stadteile. Wie zum Beispiel Agdal. Das ist ein Geschäftsviertel ziemlich in der Mitte von Rabat. Vieles sieht dort genauso aus wie bei uns. Und leider sind aber auch die Menschen so. Die meisten die etwas Wohlstand erlangt haben, benutzen ihr Geld dazu, sich zu präsentieren. Das heißt vor allem man kauft Designerware. Gucci ist relativ beliebt. Dolce und Gabana natürlich, Armani und der ganze Quatsch. Ich persönlich finde, dass das mehr lächerlich und prollig als chic wirkt, aber was solls. Leider wirkt sich die ganze Chose aber auch auf die Charaktere aus. Die Menschen sind weitestgehend unfreundlich, arrogant und überheblich – gegenüber jedem. Touristen wir mir, aber auch gegen ihre eigenen Landsleute. Es ist alles sehr unterkühlt. Diese Überheblichkeit verstärkt natürlich, wie überall, die Kluft zwischen arm und reich erheblich.
Vorgestern probierte ich Geld zu wechseln. Ich hatte nur einen 100Dirham Schein, benötigte aber 4 Dirham in Münzen für den Bus. Es brauchte vier Läden bis ich jemanden fand der mir das Geld tauscht. Zwei Ladenbesitzer meinte, es waren Schreibwarenläden, sie gäben sich nicht mit so niedrigen Beträgen ab.
Später sprach ich mit dem Amerikaner in meiner Gastfamilie darüber, und er meinte das sei typisch für Rabat. Er meint, die Menschen in Rabat seien die unfreundlichsten. Abgesehen von denen aus der Medina – und bisher kann ich das nur bestätigen. Die Menschen die ich bisher aus der Medina kennengelernt habe, waren klasse. Sehr sehr freundliche, einfache Leute. Irgendwie korreliert Wohlstand mit Überheblichkeit und wenig Geld mit Freundlichkeit. Natürlich nicht in allen Fällen, aber es gibt da schon so etwas wie einen roten Faden der sich durchzieht.
Aber sonst waren die Erfahrungen mit den Menschen ganz in Ordnung. Ich bin gespannt wie die Menschen im Süden, weg von den großen Städten sind. Ich habe gehört, dass alles was südlicher von Marrakesch ist, sehr freundlich sein soll.
Es gibt hier verschiedene Projekte für uns. Manche sind nur hier um Sprachen zu lernen. Arabisch oder Französisch. Ansonsten gibt es Volluntere die Englisch an staatlichen Schulen unterrichten und welche die in dem Health und Care Projekt sind. Das Health und Care Projekt findet zum einen an einer Art Schule für behinderte Kinder und Jugendliche statt. Aber auch Straßenkinder kommen hierher. Persönlich habe ich die Einrichtung noch nicht gesehen, bisher aber nur schlechtes gehört, was sehr stark mit den teilweise unheimlich tief sitzenden Traditionen zu tun hat. Aber dazu später. Im Groben gesagt, herrscht ein in der Schule ein striktes Klassensystem und pädagogische Maßnahmen wie in den 1920er und 1930er Jahren. Das heißt zunächst vor allem, dass die Kinder geschlagen werden sobald sie etwas machen, was den richtigen Lehrern nicht passt.
Die andere Einrichtung im Stadtteil Takadum ist großartig. Ich war letzte Woche zwei mal dort. Takadum ist ein relativ armer Teil von Rabat. Die Einrichtung ist eine Halbtagsbetreuungsstätte, bestehend aus zwei Räumen die etwa so groß sind wie ein durchschnittliches THG Klassenzimmer. Also gar nicht so übel. Es gibt praktisch für jedes Kind Einzelbetreuung. Das Konzept basiert auf Freiwilligkeit. Das heißt die Kinder können kommen und gehen wie sie wollen. Und so können es quasi auch die Betreuer halten – das Konzept funktioniert meistens gut. Es herrscht eigentlich nie ein Mangel von Betreuern, zumal auch immer drei, vier Volluntere vor Ort sind. Leider sind es aber selten mehr als sieben oder acht Kinder und Jugendliche. Wir wissen nicht genau wieso die Kinder so unregelmäßig erscheinen. Manchmal sind auch nur drei da. Manchmal aber auch 10 oder 12.
Die körperlichen und geistigen Behinderungen sind teilweise sehr stark. Viel mehr als ganz einfache Spiele kann man nicht machen, aber das zumindest funktioniert prima. Manchmal geht man auch in einen nahe gelegenen Park zum Fußballspielen.
Sicherlich hat niemand von den Betreuern eine pädagogische Ausbildung oder ähnliches, aber ich meine im Prinzip funktioniert das Konzept und die Kinder und Jugendliche haben Spaß soweit ich das beurteilen kann. Außerdem ist das Projekt umsonst und die Eltern können ihre Kinder bringen wann immer sie wollen.
Zur anderen Einrichtung lässt sich noch sagen, es wurden letzte Woche Beschwerden über das Verhalten der Lehrer gegenüber der Kinder eingereicht. Das eine enorme Klassengesellschaft gezielt verstärkt wird und die Kinder mit Schlägen misshandelt werden. Der Rektor weiß wohl davon, es traut sich aber niemand was zu unternehmen, vor allem auch weil kein wirkliches Schuldgefühl vorherrscht. Die Tradition von Klassen und Unterschiedlichkeiten ist viel zu tief verankert.
Mal schauen ob es wirklich so schlimm ist.
Vielleicht schnell ein Zwischengedanke zum Thema „feste Verankerung von Traditionen in der Gesellschaft“. Niemals ein Wort gegen die Monarchie oder gar den König sagen. Jeder, wirklich jeder hat hier irgendwo ein Bild das Königs hängen. Auch Leute die Jahre im Ausland studiert und verbracht haben. Die das System einer Demokratie eigentlich auswendig kennen – wie zum Beispiel der Country Director von Projects Abroad Saad. Hat in London studiert, acht Jahre gewohnt und ist schwul. Was selbst in unserer Gesellschaft noch ungewöhnlich ist. Aber auch er ist ganz strikt was ein monarchisches System angeht.
Die Menschen hier behaupten, der König ist weltoffen, freundlich und will der Bevölkerung helfen. Aber anstatt Sozialmaßnahmen zu ergreifen wie beispielsweise Obdachlosenunterstützung oder das marode Schulsystem zu verbessern, hat er sich in jeder größeren Stadt, Rabat, Casablanca, Tanger, Fez, Agadir, Marrakesch eine eigene Residenz oder Palast bauen lassen.
Marokko hat nach Bangladesch die schlechtesten Statistiken was Bürokratie, Schulsystem, Sozialversorgung, Bestechung und verschwinden von Geldern angeht – hat zumindest Saad gemeint. Ich persönlich glaube nicht das es wirklich ganz so schlecht ist, aber ein gewisser wahrer Kern stimmt mit Sicherheit.
Der König wird vor allem deswegen geliebt, weil er eine „Bürgerliche“, die Tochter eines sehr reichen Industrieellen, geheiratet hat.
Ich glaube, selbst wenn man den Marrokanern die vollständige Demokratie (sie dürfen wählen, haben ein Parlament und alles, nur hat der König die höchste Entscheidungsmacht) anbieten würde, sie würden sie ablehnen.
Okay, fairerweise muss man sagen, im großen und ganzen läuft es gut und Marokko ist wohl so ziemlich das Land in Afrika, mit dem meisten Wohlstand. Im Vergleich also, kann man vermutlich recht wenig sagen. Einige Sachen sind aber schon sehr umstritten. Wie zum Beispiel auch die unrechtmäßig Aneignung von Sahara und der Grenzverlauf mit Algerien.
Marokko 14.04.08
Es ist nun knapp eine Woche seit der Ankunft in Rabat vergangen. Bisher kann ich im großen und ganzen nur sagen, dass alles erstaunlich gut läuft. Sicher waren die ersten 2, 3 Tage ganz anders im Verhältnis zu Europa oder Deutschland. Aber das war ja zu erwarten. Und die Umstände sind irgendwie auch nicht schlechter. Einfach nur anders, interessant anders.
Ich kam Freitag Abend gegen 19.30 Uhr örtlicher Zeit an. Das ist 21.30 Uhr in Deutschland. Der Flughafen in Rabat ist eigentlich nicht wirklich das was man einen Flughafen nennen kann. Eine kleine Landebahn, ein kleines Gebäude, drei Zollhäuschen, 1 Gepäckbahn und das Flugzeug hält keine 25 Meter weg von den Zollhäuschen.
Bleibt man maximal 3 Monate oder eben 90 Tage im Königreich Marokko, so muss man lediglich einen kleinen Visazettel mit Name, Passnummer und so weiter ausfüllen. Dasselbe wie es in Thailand war. Die einzige kleine Sache die hier passierte war, dass eben auch nach der Adresse wo man in Rabat unterkommt fragt. Und woher soll ich das wissen? Ich war ja noch nie zuvor in Rabat oder wusste die Adresse meiner Gastfamilie. Ganz zu schweigen von einer Orientierung. Wie auch immer, nach einem kurzen hin und her gab sich die Dame im Zollhäuschen mit der Projects Abroad Anschrift, die einzige die ich hatte, zufrieden.
Das mit dem Abholen funktionierte problemlos, genauso wie die Sache mit dem großen Gepäck.
Rabat wächst mittlerweile mit dem größeren Ort Salle zusammen. Sie sind quasi eins. Rabat mit rund 500 bis 600 tausend und Salle mit circa einer Millionen Einwohner.
Je näher man am Äquator ist, desto früher wird es dunkel und umso früher geht die Sonne wieder auf. Das heißt für Rabat, dass es um rund 18 Uhr örtlicher Zeit (20 Uhr Deutschland) bereits recht dunkel ist. Gegen fünf Uhr geht die Sonne wieder auf.
Insofern konnte ich am Freitag noch nicht allzu viel von Rabat erkennen. Nur das es sehr wie Istanbul aussah – bisher. Das heißt im konkreten, dass der Verkehr ein pures Desaster ist. Im Prinzip gibt es hier auch keine wirklichen Verkehrsregeln. Das einzige was sie haben sind Ampeln, und nachts hält sich beispielsweise auch kein Schwein daran. Im Prinzip gibt es auch Bahnbegrenzungen, aber schlussendlich fährt jeder wie er will. Das Verkehrsproblem hängt übrigens auch mit den vielen Menschen in Rabat zusammen, die verkrüppelte Beine haben. Denn der Verkehr ist bei weitem nicht so dicht wie in Istanbul. Es ist schon was los, aber es reicht um das Auto immer mal wieder auf 60, 70, 80 oder gar 90 km/h zu beschleunigen. Auch wenn es eigentlich eine einheitliche Geschwindigkeitsbegrenzung auf 40 beziehungsweise 50 km/h gibt. Dadurch sind eventuelle Unfälle auch viel schlimmer.
Natürlich wird auch immer gehupt, wenn man beispielsweise einen Zebrastreifen ( oh ja, das ist neben den Ampeln das andere was sie haben) überqueren will. Die Autofahrer scheuen auch nicht davor zurück, einfach auf dich zu zufahren. Im Normalfall funktioniert die Taktik, denn gegen ein Auto ist man leider machtlos.
Von Zeit zu Zeit sieht man aber auch Straßenpolizisten den Verkehr regeln. Das geht dann solange gut, wie die Autos in der nähe der Polizisten sind – denn da fahren sie schön brav.
Die wichtigsten Verkehrsmittel in Rabat sind die Busse, die grand Taxis und die petit Taxis. Die Busse kosten 4 Dirham (etwa 35 bis 40 Eurocent), egal wohin man will. Das Problem ist nur, sie sind relativ langsam und nicht pünktlich und oft überfüllt. Aber sie sind dennoch bisher mein liebstes Fortbewegungsmittel, da man wenigstens aus dem Fenster schauen kann.
Die grand und petit Taxis kosten auch jeweils 4 Dirham. Außer nachts, da werden dann die Zähleruhren eingeschaltet. Sie sind relativ schnell und bringen einen recht zuverlässig an alle wichtigen großen Knotenpunkte. Sie fahren keine direkten Ziele an. Ich glaube auch nicht, dass die meisten Fahrer wirklich kleinere Straßen kennen. Aber eben die großen Punkte wie das Bab Shella. Eine großes Tor das den wichtigsten Eingang zur Medina (Altstadt) bildet wo ich wohne.
Das hört sich jetzt besser an als die Busse, das Problem ist nur, die großen Taxis transportieren 6 Passagiere, die kleinen drei. Die kleinen Taxis sind Fiat Puntos. Das geht noch recht gut mit drei Passagieren. Die großen Taxis sind uralte 80iger Jahre Mercedesse, deren Sitzbänke nicht wirklich größer sind als die eines Fiat Puntos. Also werden zwei Passagiere auf den Frontsitz platziert und vier auf der Rückbank. Das ist ein Gequetsche. Zwar irgendwie lustig, aber nicht wirklich entspannend. Aber das größere Problem ist mehr, dass die Taxis immer nur ein Ziel anfahren. Das heißt, zum einen das du immer warten musst bis die Taxis wirklich voll sind und das alle anderen Passagiere dasselbe Ziel haben müssen wie du – oder du wie sie. Mitunter ist da der Bus schneller. Manchmal ist das wirklich eine mühselige Rumfragerei. Naja, bisher bevorzuge ich Busse.
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